Zusammenfassung verschiedener Sintflut Mythen
Die hier markierten Orte habe ich aus den Texten des Gilgamesch-Epos, der biblischen Genesis und dem Ort aus der im Koran beschriebenen Genesis übernommen, sie dienen lediglich zur Veranschaulichung und haben keinen Anspruch auf den Exakten Punkt der Strandungen der Arche.Das Gilgamesch-Epos (auch Gilgameš-Epos) ist eine Sammlung literarischer Werke aus dem babylonischen Raum und gilt als eine der ältesten überlieferten, schriftlich fixierten Dichtungen der Menschheit. In seinen verschiedenen Fassungen ist es das bekannteste Werk der akkadischen und sumerischen Literatur.
Das Werk trägt es seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. den Titel „Derjenige, der die Tiefe sah“ (ša naqba īmuru). Eine ältere, vermutlich altbabylonische Fassung (ca. 1800–1595 v. Chr.) war unter dem Titel „Derjenige, der alle anderen Könige übertraf“ (Šūtur eli šarrī) bekannt.
Die umfangreichste überlieferte Version ist das sogenannte Zwölftafel-Epos des Schreibers Sîn-leqe-unnīnī. Es ist vor allem durch elf Tontafeln aus der Bibliothek des assyrischen Königs Aššurbanipal erhalten. Eine zwölfte Tafel mit einem Auszug aus dem eigenständigen Gedicht „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ wurde später angefügt. Von den ursprünglich über 3000 Versen sind heute weniger als zwei Drittel aus verschiedenen Überlieferungssträngen bekannt.
Die ersten Fragmente wurden 1853 von Hormuzd Rassam entdeckt. George Smith (1840–1876) übersetzte sie 1872 und gilt als eigentlicher Wiederentdecker des Epos. Besonders bekannt wurde das von ihm übersetzte Sintflut-Fragment der elften Tafel, das deutliche Parallelen zum biblischen Bericht in Genesis 7–8 aufweist. Dies nährte die Hypothese, dass die biblische Überlieferung ältere mesopotamische Traditionen aufgreift. 1997 identifizierte der Assyriologe und Judaist Theodore Kwasman im British Museum die bislang fehlenden ersten zwei Zeilen des Epos.
Während 1930 noch 108 Tonfragmente bekannt waren, stieg ihre Zahl bis 2003 auf 184 an.
Hier ist die Übersetzung der zentralen Abschnitte der Sintflut-Erzählung (Tafel XI), basierend auf der in den Quellen enthaltenen Version von Andrew George für die Universität Oxford 2003 (der Originaltext umfasst ca. 1200 Seiten):
Die Warnung durch den Gott Ea
Uta-napishti berichtet Gilgamesch, wie der Gott Ea ihn heimlich warnte, indem er zu einer Rohrwand sprach:
„O Rohrwand! Wand aus Ziegeln! Höre dies, o Zaun! Achte darauf, o Mauer! Mann von Schuruppak, Sohn des Ubar-Tutu: Reiß das Haus nieder und baue ein Schiff. Verlass den Reichtum und suche das Überleben. Verschmähe den Besitz, rette das Leben. Bring die Samen aller Lebewesen an Bord des Schiffes“.
Der Bau der Arche und der Beginn des Sturms
Uta-napishti baute das Schiff, belud es mit Gold, Silber und seiner Familie sowie Handwerkern und Tieren. Dann kam der verhängnisvolle Moment:
„Am Morgen schickte er [der Sonnengott] einen Regen von Brotkuchen, und am Abend einen Strom von Weizen. … Ich betrachtete das Wetter: Das Wetter war voller böser Omen. Ich ging in das Schiff und versiegelte meine Luke“.
Die Zerstörung durch die Götter
Die Quellen beschreiben den Ausbruch des Kataklysmus mit schreckgewaltigen Bildern:
„Mit dem ersten Morgengrauen stieg am Horizont eine dunkle, schwarze Wolke auf, in der Adad, der Gott des Sturms, grollte. … Die Götter Anunnaki trugen Fackeln aus Feuer und verbrannten das Land mit hellen Blitzen. Die Stille des Sturmgottes legte sich über den Himmel, und alles, was zuvor hell war, verwandelte sich in Finsternis“.
Das Entsetzen der Götter und das Ende der Flut
Selbst die Götter waren von der Gewalt der Flut erschüttert:
„Sogar die Götter erschraken vor der Sintflut, sie flohen und stiegen zum Himmel von Anu hinauf; wie Hunde kauerten sie sich im Freien nieder. … Die Götter Anunnaki weinten mit ihr [der Göttin Ischtar], mit feuchtem Gesicht weinten sie“.
Nach sechs Tagen und sieben nachts beruhigte sich das Meer:
„Ich betrachtete das Wetter, es war still und ruhig, aber alle Menschen waren wieder zu Lehm geworden. Die Flutebene war flach wie das Dach eines Hauses. Ich öffnete eine Luke, und das Sonnenlicht fiel auf meine Wangen. Ich setzte mich hin, kniete nieder und weinte“.
Die Vögel und das Ende der Suche
Das Schiff lief am Berg Nimush auf Grund. Um zu prüfen, ob das Land trocken sei, ließ Uta-napishti Vögel frei:
„Als der siebte Tag kam, ließ ich eine Taube frei; sie flog weg, kehrte aber zurück, da sie keinen Ort zum Rasten fand. Ich ließ eine Schwalbe frei; sie flog weg, kehrte aber zurück. Ich ließ einen Raben frei; der Rabe sah, dass das Wasser zurückwich, er fand Nahrung, kreiste umher und kehrte nicht zu mir zurück“.
Das göttliche Urteil
Schließlich versammelten sich die Götter um das Opfer, das Uta-napishti darbrachte. Der Gott Ea tadelte Enlil für die unüberlegte Flut und schlug vor, die Menschen stattdessen durch wilde Tiere oder Hunger zu dezimieren. Enlil besänftigte sich schließlich:
„Enlil kam an Bord des Schiffes, er nahm meine Hand und führte mich an Bord. Er ließ meine Frau an meiner Seite niederknien, berührte unsere Stirn und segnete uns: ‚Früher war Uta-napishti ein sterblicher Mensch, aber von nun an sollen er und seine Frau wie wir Götter sein‘“.
Diese Erzählung bildet den Kern von Tafel XI und zeigt Gilgamesch, dass die Unsterblichkeit ein einmaliges göttliches Gnadengeschenk war, das er selbst nicht erlangen kann. Was für den späteren Verlauf bei der Suche nach der Pflanze der Unsterblichkeit wichtig wird.
Die Genesis-Apokryphen aus Qumran
Einen weiteren entscheidenden Beitrag zum Verständnis unserer Entstehungsgeschichte, liefern die Schriftrollen vom Toten Meer. Sie wurden ab 1947 in Höhlen bei Qumran am nordwestlichen Ufer des Toten Meeres entdeckt.
Die dort gefundenen Handschriften stammen überwiegend aus der Zeit vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. Unter ihnen befinden sich sowohl biblische Texte – darunter auch Fragmente der Genesis – als auch zahlreiche nichtkanonische Schriften. Diese sogenannten pseudepigraphischen Werke zeigen, dass das antike Judentum vor der endgültigen Kanonbildung keine starre Textlandschaft war, sondern eine lebendige Auslegungstradition kannte.
Für die Bibelgeschichte ist besonders bedeutsam, dass die Funde belegen: Der biblische Text war bereits vor der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. in weiten Teilen stabil überliefert.
Ein wichtiges Beispiel ist das Genesis Apocryphon (1QapGen), das in Höhle 1 von Qumran entdeckt wurde. Diese aramäische Schrift ist keine alternative Bibel, sondern eine erzählerische Nacherzählung und Ausschmückung von Teilen der Genesis. Sie umfasst vier größere Abschnitte: die Geschichte Lamechs, die Noah-Erzählung (Spalten 6–15), die Völkertafel und die Abraham-Geschichte.
Genesis-Apokryphon – Kolumne II (Noahs Geburt)
1 Und sie gebar mir einen Sohn.
2 Und sein Leib war weiß wie Schnee und rot wie die Blüte einer Rose.
3 Und das Haar seines Hauptes war weiß wie Wolle, und seine Augen waren schön.
4 Und als er seine Augen öffnete, erleuchtete er das ganze Haus wie die Sonne.
5 Und er erhob sich aus den Händen der Hebamme und öffnete seinen Mund und pries den Herrn der Himmel.
6 Und ich, Lamech, erschrak sehr und fürchtete mich wegen dieses Kindes.
7 Und ich dachte in meinem Herzen, daß die Empfängnis von den Wächtern verursacht wäre, von den Heiligen oder von den Söhnen des Himmels.
8 Und mein Herz ward in mir verändert um dieses Kindes willen.
9 Da war ich beunruhigt und ging zu Bathenosh, meinem Weibe.
10 Und ich sprach zu ihr: „Schwöre mir beim Allerhöchsten, beim Herrn der Größe, beim König aller Welten, daß du mir alles in Wahrheit kundtust und nicht in Lüge.“
11 Da sprach Bathenosh, mein Weib, zu mir mit heftigem Nachdruck:
12 „O mein Bruder, o mein Herr, gedenke meiner Wonne und meiner Seele in ihrer Scheide; ich will dir in Wahrheit alles sagen.“
13 Und mein Herz änderte sich in mir sehr.
14 Als Bathenosh sah, daß mein Gesicht sich verändert hatte, nahm sie ihren Mut zusammen und sprach zu mir:
15 „O mein Herr, o mein Bruder, meine Wonne, ich schwöre dir beim großen Heiligen, beim König des Himmels:
16 Von dir ist dieser Same, von dir diese Empfängnis, von dir dieser Fruchttrieb.
17 Nicht von irgendeinem Fremden, nicht von Wächtern und nicht von Söhnen des Himmels.
18 Warum ist dein Antlitz so verändert und dein Geist bedrückt? In Wahrheit rede ich mit dir.“
19 Da eilte ich, Lamech, zu Methusalah, meinem Vater, und tat ihm alles kund.
20 Und als Methusalah hörte, ging er zu Henoch, seinem Vater, um von ihm alles in Wahrheit zu erfahren.
21 Und er ging an den Ort, wo er ihn fand.
22 Und er sprach zu Henoch, seinem Vater: „O mein Vater, o mein Herr, sei nicht zornig über mich, daß ich zu dir gekommen bin.“
1Q20 Noah-Teil, Kol. VI–XV Rekonstruktion mit Lücken
kolumne VI
Ich, Noah, [ … ].
Ich war [wahrscheinlich: gerecht] in meiner Generation [ … ].
Und Gott [ … ] offenbarte mir ein Geheimnis [ … ]:
[ … ] das Ende von allem Fleisch [ … ] steht bevor.
[ … ] denn die Erde ist [unsicher: verdorben / voller Frevel] [ … ].
Und er sprach zu mir [ … ]:
[wahrscheinlich: du sollst gerettet werden] [ … ],
du und deine Söhne und deine Frau und die Frauen deiner Söhne [ … ].
[ … ] und von allem Lebendigen [ … ] soll [wahrscheinlich: paarweise] zu dir kommen [ … ],
damit Leben erhalten bleibt [ … ].
Und [wahrscheinlich: Nahrung/Vorrat] sollst du nehmen [ … ] für dich und für sie.
Und ich [ … ] tat alles, was er mir geboten hatte [ … ].
kolumne VII
Und er sprach weiter zu mir [ … ]:
[ … ] alles, was auf der Erde ist, wird [ … ] untergehen.
Aber du [ … ] sollst [ … ] hineingehen [ … ].
[ … ] Vögel nach ihrer Art [ … ],
[ … ] Vieh nach seiner Art [ … ],
[ … ] kriechende Tiere [ … ].
[ … ] paarweise [ … ] damit sie bestehen bleiben [ … ].
[ … ] und ich bereitete [wahrscheinlich: Speise] [ … ].
Und ich [ … ] gehorchte [ … ] und tat [ … ].
kolumne VIII
Und es geschah nach [ … ] Tagen [ … ].
[wahrscheinlich: Regen] fiel auf die Erde [ … ].
[wahrscheinlich: vierzig] Tage und [wahrscheinlich: vierzig] Nächte [ … ].
Und [ … ] große Wasser [ … ] kamen [ … ].
[wahrscheinlich: die Schleusen des Himmels] öffneten sich [ … ].
Und die Wasser [ … ] bedeckten [ … ].
Und alles Fleisch [ … ] das auf der Erde war [ … ] ging zugrunde [ … ].
Und ich war [ … ] in der Arche [ … ] mit meinen Söhnen [ … ],
und mit meiner Frau [ … ] und den Frauen meiner Söhne [ … ].
Und die Wasser [ … ] waren groß [ … ] auf der Erde.
kolumne IX
Und die Wasser [ … ] begannen [wahrscheinlich: zurückzugehen] [ … ].
Und die Arche [ … ] kam zur Ruhe [ … ].
[wahrscheinlich: auf den Bergen von Ararat] [ … ].
Und ich öffnete [ … ] ein Fenster [ … ].
Und ich sandte [ … ] einen Vogel [ … ].
[ … ] er fand [wahrscheinlich: keinen Ruheplatz] [ … ] und kehrte zurück [ … ].
Und ich sandte [ … ] eine Taube [ … ].
Und sie kehrte zurück [ … ] zu mir [ … ].
[ … ] denn die Wasser waren noch [ … ].
[ … ] und ich wartete [ … ].
kolumne X
Und nach [ … ] Tagen [ … ] sandte ich wiederum [ … ].
[unsicher: Taube / anderer Vogel] [ … ].
Und sie kam [ … ] mit einem Zeichen [unsicher: Blatt / Zweig] [ … ].
Da erkannte ich [ … ], dass die Wasser [wahrscheinlich: geringer geworden] waren [ … ].
Und ich [ … ] wartete noch [ … ].
Und schließlich [ … ] war die Erde [wahrscheinlich: trocken] [ … ].
Und Gott sprach zu mir [ … ]:
Geh hinaus [ … ] du und deine Frau [ … ],
und deine Söhne [ … ] und die Frauen deiner Söhne [ … ].
Bring hinaus [ … ] alles Lebendige [ … ].
[ … ] damit sie sich mehren [ … ] auf der Erde.
Und ich ging hinaus [ … ] mit meiner Familie [ … ].
kolumne XI
Und ich errichtete [ … ] einen Altar [ … ].
Und ich nahm [ … ] von [wahrscheinlich: reinem Vieh] [ … ] und [wahrscheinlich: reinen Vögeln] [ … ].
Und ich brachte Opfer dar [ … ].
Und [ … ] Gott nahm es an [ … ].
Und er sprach [ … ] über die Erde [ … ]:
[wahrscheinlich: nicht wieder alles Fleisch durch Wasser zu vernichten] [ … ].
[ … ] und er bestätigte [ … ].
kolumne XII
Und er redete [ … ] mit mir [ … ] über [unsicher: Ordnung/Regeln] [ … ].
[wahrscheinlich: Segen über die Nachkommen] [ … ].
[ … ] und über die Zeiten [ … ].
[ … ] und über die Wege der Menschen [ … ].
[unsicher: Hinweise auf Bund / Zeichen] [ … ].
kolumne XIII
Und ich, Noah, [ … ] wohnte [ … ].
Und ich begann [ … ] die Erde zu bebauen [ … ].
[wahrscheinlich: und ich pflanzte einen Weinberg] [ … ].
[ … ] und es geschah [ … ].
[unsicher: Episode um Wein/Trunkenheit] [ … ].
kolumne XIV
[ … ] und ich [ … ] erkannte [ … ].
[ … ] über meine Söhne [ … ].
[unsicher: Worte des Segens/Fluchs] [ … ].
[ … ] und ich sprach [ … ].
kolumne XV
[ … ] dies [ … ] für [ … ] Generationen [ … ].
[ … ] und mein Same [ … ] wird bleiben [ … ].
[ … ] und die Erde [ … ] wird sich füllen [ … ].
[ … ] Ende/Übergang [ … ].
Gerade im Blick auf die Sintflut zeigt sich der Charakter dieses Textes deutlich. Die kanonische Erzählung findet sich in Book of Genesis Kapitel 6–9. Das Genesis-Apokryphon übernimmt die Grundstruktur dieser Geschichte: die Verderbtheit der Menschheit, das göttliche Gericht durch die Flut, den Bau der Arche, die Rettung der Tiere und den Bund nach der Flut. Diese zentralen Elemente bleiben unverändert.
Allerdings erweitert das Apokryphon die Erzählung in mehreren Punkten. Noah tritt teilweise in der Ich-Form auf, wodurch die Geschichte persönlicher und erzählerisch dichter wirkt. Seine Frömmigkeit und seine besondere Stellung als Gerechter werden stärker betont. Auch die Figur seines Vaters Lamech wird ausführlicher dargestellt, insbesondere im Zusammenhang mit der Geburt Noahs. Diese Erweiterungen verändern nicht den Ablauf der Flutgeschichte, sondern vertiefen ihre theologische und narrative Ausgestaltung.
Neben dem Genesis-Apokryphon existieren weitere apokryphe Schriften, die die Sintflut thematisch aufgreifen und ausdeuten. Besonders wichtig ist das Book of Enoch. Hier wird die Vorgeschichte der Flut stark erweitert: Gefallene Engel, die sogenannten Wächter, verbinden sich mit Menschenfrauen und zeugen Riesen (Nephilim). In dieser Darstellung wird die Flut nicht nur als Reaktion auf moralische Verderbtheit verstanden, sondern als Antwort auf eine kosmische Grenzüberschreitung, die die gesamte Schöpfungsordnung beschädigt.
Auch das Buch Henoch erzählt die Genesis neu. Es legt besonderen Wert auf Kalenderfragen, Gesetz und göttliche Ordnung. Die Flutgeschichte bleibt im Kern erhalten, wird jedoch stärker gesetzlich und moralisch interpretiert.
- Was ist „1. Henoch“ textgeschichtlich?
„1. Henoch“ ist keine einheitliche Schrift, sondern eine Sammlung mehrerer ursprünglich selbständiger Werke.
Die Hauptteile sind:
- Wächterbuch (Kap. 1–36)
- Gleichnisbuch (Kap. 37–71)
- Astronomisches Buch (Kap. 72–82)
- Traumgesichte (Kap. 83–90)
- Mahnreden (Kap. 91–108)
Diese Teile entstanden nicht gleichzeitig.
- Datierung der einzelnen Teile
Nach heutigem Forschungsstand (Mehrheitsmeinung):
Wächterbuch (Kap. 1–36)
ca. 3. Jahrhundert v. Chr.
→ Das ist der Teil mit den Engeln, dem Berg Hermon und den Riesen.
Astronomisches Buch
ca. 3.–2. Jahrhundert v. Chr.
Traumgesichte
ca. 2. Jahrhundert v. Chr.
Mahnreden
2.–1. Jahrhundert v. Chr.
Gleichnisbuch
umstritten (1. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.)
Wichtig:
Der älteste Teil – das Wächterbuch – ist wahrscheinlich älter als die Endredaktion der Genesis in ihrer heutigen Form.
- Qumran-Funde (entscheidend für die Datierung)
In Qumran wurden aramäische Fragmente des Henochbuches gefunden.
Bezeichnung:
4Q201–4Q212
(= Höhle 4, Qumran, Manuskripte 201–212)
Diese Fragmente datieren vom 3. bis 1. Jahrhundert v. Chr.
Das bedeutet:
Henoch war im Judentum der Zweiten Tempelzeit weit verbreitet und theologisch wichtig.
Interessant:
Das Gleichnisbuch (Kap. 37–71) wurde in Qumran nicht gefunden. Das ist ein wichtiger Hinweis für seine spätere Entstehung.
- 4. Warum fehlt das im späteren Judentum?
Nach dem babylonischen Exil und besonders nach 70 n. Chr.:
- Engel-Sexualität wurde theologisch problematisch.
- Strenge Monotheismusentwicklung.
- Rabbinisches Judentum distanzierte sich von spekulativer Engelmythologie.
Daher wurde Henoch nicht kanonisiert.
Genesis blieb – aber in der knappen Form.
- 5. Theologische Unterschiede
Genesis:
- zurückhaltend
- keine Namen
- keine kosmische Ausarbeitung
- Fokus auf menschliche Bosheit
Henoch:
- detaillierte Engel-Hierarchie
- 200 Wächter
- Namen wie Semjasa, Asael
- Riesen als Zerstörer
- Engel lehren Zauberei, Metallurgie, Astrologie
- Kosmische Rebellion
Henoch ist deutlich mythologischer.
Die Wächtererzählung (Kap. 6–16) in Auszügen
────────────────────────
Henoch – Kapitel 6
────────────────────────
1 Und es geschah, als sich die Menschen vermehrten, daß ihnen in jenen Tagen schöne und liebliche Töchter geboren wurden.
2 Da sahen die Engel, die Söhne des Himmels, sie und begehrten sie und sprachen zueinander: Kommt, laßt uns uns Weiber nehmen aus den Menschenkindern und Kinder zeugen.
3 Und Semjasa, ihr Anführer, sprach zu ihnen: Ich fürchte, ihr werdet diese Tat nicht ausführen, und ich allein werde die Strafe einer großen Sünde tragen.
4 Da antworteten sie ihm alle und sprachen: Laßt uns einen Eid schwören und uns gegenseitig verfluchen, daß wir diesen Plan nicht aufgeben, sondern diese Sache ausführen.
5 Da schworen sie alle miteinander und verpflichteten sich durch gegenseitige Verwünschungen.
6 Und sie waren insgesamt zweihundert; sie stiegen herab auf den Berg Hermon.
7 Und sie nannten ihn Hermon, weil sie darauf geschworen und sich gebunden hatten.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 7
────────────────────────
1 Und sie nahmen sich Weiber, jeder wählte sich eine, und sie begannen zu ihnen einzugehen und sich mit ihnen zu beflecken; und sie lehrten sie Zauberei, Beschwörungen und die Kunde von Wurzeln und Pflanzen.
2 Und sie wurden schwanger und gebaren große Riesen, deren Größe dreitausend Ellen betrug.
3 Diese verzehrten alle Erwerbungen der Menschen.
4 Und als die Menschen sie nicht mehr ernähren konnten, wandten sich die Riesen gegen sie und fraßen die Menschen.
5 Und sie begannen zu sündigen an Vögeln, Tieren, Reptilien und Fischen und fraßen ihr Fleisch und tranken das Blut.
6 Da klagte die Erde über die Gesetzlosen.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 8
────────────────────────
1 Und Asael lehrte die Menschen Schwerter, Messer, Schilde und Brustpanzer zu machen, und er zeigte ihnen die Metalle der Erde und wie man sie bearbeitet, und Armringe und Schmuck und das Schminken der Augen und alle Arten kostbarer Steine und alle Färbemittel.
2 Und es entstand große Gottlosigkeit, und sie trieben Unzucht und wurden irregeführt und verdarben alle ihre Wege.
3 Semjasa lehrte Beschwörungen und Wurzelkunde; Armaros das Lösen von Bannflüchen;
4 Baraqiel lehrte die Astrologie; Kokabel die Sternkunde;
5 Ezeqeel die Wolkenkunde; Araqiel die Zeichen der Erde;
6 Samsiel die Zeichen der Sonne; Sariel die Zeichen des Mondes.
7 Und als die Menschen zugrunde gingen, erhob sich ihr Schrei bis zum Himmel.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 9
────────────────────────
1 Da blickten Michael, Uriel, Raphael und Gabriel vom Himmel herab und sahen das viele Blut, das auf der Erde vergossen wurde und alle Gesetzlosigkeit, die auf der Erde geschah.
2 Und sie sprachen zu einander: Die Erde klagt laut über die Stimme ihrer Klage bis an die Pforten des Himmels.
3 Und nun, ihr Heiligen des Himmels, klagen die Seelen der Menschenkinder und sprechen: Bringet unsere Sache vor den Höchsten!
4 Und sie sprachen zum Herrn der Könige: Du bist der Herr der Herren, der Gott der Götter und der König der Könige, und der Thron deiner Herrlichkeit steht für alle Geschlechter der Welt; dein Name ist heilig und herrlich und gepriesen in alle Ewigkeit.
5 Du hast alles geschaffen, und die Macht über alles ist bei dir; alles liegt offen und unverhüllt vor deinen Augen; du siehst alles, und nichts kann sich vor dir verbergen.
6 Du siehst, was Asael getan hat, wie er alle Ungerechtigkeit auf Erden gelehrt und die ewigen Geheimnisse des Himmels offenbart hat, die die Menschen zu lernen begehrten.
7 Und Semjasa, dem du Vollmacht gegeben hast, über seine Gefährten zu herrschen, hat sie gelehrt.
8 Und sie sind zu den Töchtern der Menschen auf der Erde eingegangen, haben bei ihnen gelegen und sich mit ihnen befleckt und haben ihnen alle Sünden kundgetan.
9 Und die Weiber haben Riesen geboren, und dadurch ist die ganze Erde mit Blut und Ungerechtigkeit erfüllt worden.
10 Und nun siehe, die Seelen derer, die gestorben sind, schreien und klagen bis zu den Toren des Himmels; und ihr Seufzen steigt auf und kann nicht hervorkommen vor der Gewalt, die auf Erden geschieht.
11 Und du weißt alles, ehe es geschieht; du siehst dies alles und lassest sie gewähren und sagst uns nicht, was wir ihnen wegen dieser Dinge tun sollen.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 10
────────────────────────
1 Da sprach der Höchste, der Heilige und Große, und sandte Uriel zu dem Sohne Lamechs und sprach zu ihm:
2 Gehe zu Noah und sprich zu ihm in meinem Namen: Verbirg dich! und offenbare ihm das Ende, das naht; denn die ganze Erde wird zugrunde gehen, und eine Sintflut wird über die ganze Erde kommen und alles vernichten, was auf ihr ist.
3 Und nun belehre ihn, daß er entkomme und sein Same erhalten bleibe für alle Geschlechter der Welt.
4 Und weiter sprach der Herr zu Raphael: Binde Asael an Händen und Füßen und wirf ihn in die Finsternis; und mache eine Öffnung in der Wüste, die in Dudael ist, und wirf ihn hinein.
5 Und lege auf ihn rauhe und scharfe Steine und bedecke ihn mit Finsternis, daß er dort bleibe auf ewig, und verhülle sein Angesicht, daß er das Licht nicht sehe.
6 Und am Tage des großen Gerichts soll er ins Feuer geworfen werden.
7 Und heile die Erde, die die Engel verdorben haben, und verkünde ihr die Heilung, damit sie geheilt werde und nicht alle Menschenkinder durch das Geheimnis alles dessen, was die Wächter enthüllt und ihre Söhne gelehrt haben, zugrunde gehen.
8 Und die ganze Erde ist verdorben worden durch die Werke der von Asael gelehrten Dinge; ihm schreibe alle Sünde zu.
9 Und zu Gabriel sprach der Herr: Gehe gegen die Bastarde und die Verworfenen und gegen die Kinder der Hurerei; und vernichte die Kinder der Wächter von unter den Menschen; laß sie ausziehen; sende sie gegeneinander, daß sie sich im Kampfe gegenseitig vernichten; denn lange Tage sollen sie nicht haben.
10 Und sie werden dich um alles bitten; aber ihre Väter werden nicht für sie bitten, weil sie hoffen, daß sie ewig leben werden, und daß ein jeder von ihnen fünfhundert Jahre leben werde.
11 Und der Herr sprach zu Michael: Gehe, binde Semjasa und seine Genossen, die sich mit den Weibern vermischt haben, daß sie sich in aller Unreinigkeit mit ihnen befleckten.
12 Und wenn ihre Söhne einander erschlagen haben und sie den Untergang ihrer Geliebten gesehen haben, dann binde sie siebzig Geschlechter lang unter die Hügel der Erde bis zum Tage ihres Gerichts und ihres Endes, bis das Gericht vollzogen wird, das ewig ist.
13 In jenen Tagen werden sie in den Abgrund des Feuers geführt werden; in Qual und Gefängnis werden sie eingeschlossen werden auf ewig.
14 Und wer auch immer verurteilt und vernichtet wird, der wird von nun an mit ihnen gebunden sein bis zum Ende aller Geschlechter.
15 Und vernichte alle Seelen der Wollüstigen und die Kinder der Wächter, weil sie die Menschen unterdrückt haben.
16 Tilge alle Gewalttat von der Erde und laß jedes böse Werk aufhören, und es erscheine die Pflanze der Gerechtigkeit und Wahrheit; und sie wird zum Segen werden, und Werke der Gerechtigkeit und Wahrheit werden in Freude gepflanzt werden auf ewig.
17 Und dann werden alle Gerechten entfliehen und werden leben, bis sie tausend Kinder gezeugt haben, und alle Tage ihrer Jugend und ihres Alters werden sie in Frieden vollenden.
18 Und in jenen Tagen wird die ganze Erde in Gerechtigkeit bebaut werden, und sie wird ganz mit Bäumen bepflanzt sein und voll Segen sein.
19 Und alle begehrenswerten Bäume werden auf ihr gepflanzt werden, und man wird Weinstöcke auf ihr pflanzen; und der Weinstock, den man pflanzt, wird reichlich Frucht tragen; und jeder Same, der auf ihr gesät wird, wird tausendfach tragen, und ein Maß Oliven wird zehn Pressen Öl geben.
20 Und reinige du die Erde von aller Gewalttat, von aller Ungerechtigkeit, von aller Sünde, von aller Gottlosigkeit und von aller Unreinigkeit, die auf ihr begangen wird; tilge sie von der Erde.
21 Und alle Menschenkinder werden gerecht werden, und alle Völker werden mich anbeten und preisen, und sie werden mich alle verehren.
22 Und die Erde wird gereinigt werden von aller Verderbtheit und von aller Sünde und von aller Plage und von aller Qual, und ich werde nie wieder eine Sintflut über sie senden von Geschlecht zu Geschlecht in Ewigkeit.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 11
─────────────────
1 Und in jenen Tagen will ich die Erde öffnen und sie fruchtbar machen, und sie soll Heilung empfangen.
2 Und alle Söhne der Menschen sollen gerecht werden, und alle Völker sollen mich anbeten und preisen.
3 Und die Erde wird gereinigt werden von aller Verderbtheit und von aller Sünde und von aller Plage und von aller Qual; und ich will nie wieder eine Sintflut über sie senden von Geschlecht zu Geschlecht in Ewigkeit.
4 Und in jenen Tagen will ich die Schatzkammern des Segens öffnen, die im Himmel sind, und sie herabsenden auf die Erde über das Werk und die Mühe der Menschenkinder.
5 Und Wahrheit und Friede sollen sich verbinden alle Tage der Welt und durch alle Geschlechter der Menschen.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 12
────────────────────────
1 Und bevor dies alles geschah, wurde Henoch von den Menschenkindern verborgen, und niemand von den Menschenkindern wußte, wo er verborgen war und wo er sich aufhielt und was mit ihm geschehen war.
2 Und alle seine Werke waren bei den Heiligen und bei den Wächtern in jenen Tagen.
3 Und ich, Henoch, war und segnete den Herrn der Majestät, den König der Welt.
4 Und siehe, die Wächter riefen mich – mich, Henoch, den Schreiber – und sprachen zu mir:
5 „Henoch, du Schreiber der Gerechtigkeit, gehe, verkünde den Wächtern des Himmels, die den hohen Himmel verlassen haben und sich mit den Frauen befleckt und sich verhalten haben wie die Menschenkinder, indem sie sich Weiber nahmen und große Verderbnis auf die Erde brachten:
6 Saget ihnen: Ihr werdet keinen Frieden noch Vergebung haben.“
────────────────────────
Henoch – Kapitel 13
────────────────────────
1 Und Henoch ging hin und sprach zu Asael: Du wirst keinen Frieden haben; ein hartes Urteil ist über dich ergangen, dich zu binden.
2 Und keine Erleichterung noch Fürbitte noch Barmherzigkeit wird dir zuteilwerden wegen der Ungerechtigkeit, die du gelehrt hast, und wegen aller Werke der Lästerung und der Gewalttat und der Sünde, die du den Menschenkindern kundgetan hast.
3 Da ging ich weiter und redete zu ihnen allen zusammen, und sie fürchteten sich alle, und Zittern und Furcht ergriff sie.
4 Und sie baten mich, für sie eine Bittschrift zu verfassen, damit sie Vergebung erlangen könnten, und ihre Bitte vor den Herrn des Himmels zu bringen.
5 Denn von da an konnten sie nicht mehr ihre Augen zum Himmel erheben vor Scham über die Sünden, für die sie verurteilt worden waren.
6 Da schrieb ich ihre Bittschrift nieder und ihr Flehen hinsichtlich ihrer Seelen und hinsichtlich ihrer Taten, die sie begangen hatten, und hinsichtlich ihrer Bitte um Vergebung und Langmut.
7 Und ich ging hin und setzte mich bei den Wassern von Dan im Lande Dan, südlich des Westens des Hermon.
8 Und ich las ihre Bittschrift, bis ich einschlief.
9 Und siehe, da fielen Träume über mich, und Gesichte erschienen mir, und ich sah Gesichte des Gerichts.
10 Und eine Stimme kam zu mir, daß ich reden und den Söhnen des Himmels verkünden solle.
11 Und ich erwachte von meinem Schlaf und ging zu ihnen; sie saßen alle versammelt und trauerten in Abelsjail, das zwischen dem Libanon und dem Senir liegt, mit verhüllten Gesichtern.
12 Und ich erzählte ihnen alle Gesichte, die ich im Schlafe gesehen hatte, und begann jene Worte der Gerechtigkeit zu reden und den Wächtern des Himmels zu verkünden.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 14
────────────────────────
1 Dies ist das Buch der Worte der Gerechtigkeit und der Zurechtweisung der ewigen Wächter, wie der Heilige und Große mir in jener Vision geboten hat.
2 Ich sah in meinem Schlaf, was ich nun mit einer Zunge aus Fleisch und mit dem Hauch meines Mundes rede, welchen der Große den Menschen gegeben hat, damit sie miteinander reden und es mit dem Herzen verstehen.
3 Wie er die Menschen geschaffen hat und ihnen die Fähigkeit gegeben hat, das Wort der Erkenntnis zu verstehen, so hat er auch mich geschaffen und mir die Vollmacht gegeben, die Wächter, die Söhne des Himmels, zu tadeln.
4 Ich schrieb eure Bittschrift nieder, aber in meiner Vision wurde mir gezeigt, daß eure Bitte euch nicht gewährt wird alle Tage der Ewigkeit.
5 Das Gericht ist endgültig über euch ergangen; und ihr werdet keinen Frieden haben.
6 Von nun an werdet ihr nicht mehr in den Himmel aufsteigen in Ewigkeit, und es ist beschlossen, euch zu binden in den Fesseln der Erde für alle Tage der Welt.
7 Und zuvor werdet ihr den Untergang eurer geliebten Söhne sehen, und ihr werdet euch ihrer nicht erfreuen, sondern sie werden vor euren Augen fallen durch das Schwert.
8 Und eure Bittschrift für sie wird nicht erhört werden, und auch nicht für euch selbst; selbst wenn ihr weint und fleht und alle Worte der Schrift vortragt, die ich geschrieben habe.
9 Und es wurde mir ein Gesicht gezeigt: Wolken riefen mich, und Nebel trugen mich; der Lauf der Sterne und Blitze trieb und drängte mich, und die Winde in der Vision erhoben mich und führten mich empor in den Himmel.
10 Und ich trat hinein, bis ich zu einer Mauer kam, die aus Kristall gebaut war und von Feuerflammen umgeben war; und sie begann mich in Furcht zu versetzen.
11 Und ich trat in die Feuerflammen hinein und gelangte in ein großes Haus, das aus Kristall gebaut war; seine Wände waren wie ein Mosaik aus Kristall, und sein Boden war aus Kristall.
12 Sein Dach war wie der Lauf der Sterne und Blitze, und unter ihnen waren feurige Cherubim, und ihr Himmel war Wasser.
13 Ein flammendes Feuer umgab die Wände, und seine Tore brannten von Feuer.
14 Und ich trat in dieses Haus ein, und es war heiß wie Feuer und kalt wie Eis; es war kein Genuss des Lebens darin.
15 Furcht überfiel mich, und Zittern ergriff mich.
16 Und ich fiel auf mein Angesicht und sah eine Vision.
17 Und siehe, da war ein anderes Haus, größer als das erste, und alle seine Tore standen offen vor mir; es war aus Feuerflammen gebaut.
18 Und in allem übertraf es das andere an Herrlichkeit und Größe und Pracht, so daß ich euch seine Herrlichkeit und Größe nicht beschreiben kann.
19 Sein Boden war aus Feuer, darüber Blitze und der Lauf der Sterne, und sein Dach war ebenfalls flammendes Feuer.
20 Und ich sah hinein, und siehe, da war ein hoher Thron; sein Aussehen war wie Kristall, und seine Räder waren wie die leuchtende Sonne, und die Stimme der Cherubim war zu hören.
21 Unter dem Thron gingen Feuerflammen hervor, so daß ich nicht hinschauen konnte.
22 Und der Große der Herrlichkeit saß darauf, und sein Gewand war heller als die Sonne und weißer als jeder Schnee.
23 Kein Engel konnte hineingehen und sein Angesicht schauen wegen der Herrlichkeit und Hoheit, und kein Fleisch konnte ihn sehen.
24 Ein Feuer brannte rings um ihn, und ein großes Feuer stand vor ihm, und niemand konnte sich ihm nähern.
25 Zehntausend mal Zehntausende standen vor ihm, aber er bedurfte keines Rates.
26 Und die Heiligen, die nahe bei ihm waren, verließen ihn weder bei Nacht noch bei Tag.
27 Und ich warf mich nieder auf mein Angesicht, und mein ganzes Fleisch schmolz dahin, und mein Geist verwandelte sich; und ich schrie mit lauter Stimme und pries und lobte und verherrlichte.
28 Und diese Stimme ging von meinem Mund aus und wurde vor dem Herrn der Herrlichkeit angenehm.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 15
────────────────────────
1 Und er antwortete mir und sprach mit seiner Stimme: Fürchte dich nicht, Henoch, du Mann der Gerechtigkeit und Schreiber der Gerechtigkeit; tritt herzu und höre meine Stimme.
2 Und gehe hin und sprich zu den Wächtern des Himmels, die dich gesandt haben, für sie zu bitten: Ihr solltet für die Menschen bitten und nicht die Menschen für euch.
3 Warum habt ihr den hohen, heiligen und ewigen Himmel verlassen und mit den Frauen gelegen und euch mit den Töchtern der Menschen befleckt und euch Weiber genommen und gehandelt wie die Menschenkinder und Riesen als eure Söhne gezeugt?
4 Und obwohl ihr heilige und geistige Wesen wart, die im Himmel leben und ewig bestehen, habt ihr euch mit dem Blute der Frauen befleckt und mit dem Fleische Blut gezeugt und nach dem Blute der Menschen begehrt und Fleisch und Blut hervorgebracht wie diejenigen, die sterblich und vergänglich sind.
5 Darum habe ich ihnen Frauen gegeben, damit sie sie besamen und Kinder von ihnen zeugen, damit so alles, was auf der Erde geschieht, Bestand habe.
6 Ihr aber wart zuvor geistige Wesen, lebendig und ewig, für alle Geschlechter der Welt.
7 Darum habe ich euch keine Frauen gegeben; denn die geistigen Wesen des Himmels haben ihre Wohnung im Himmel.
8 Und nun werden die Riesen, die aus Geist und Fleisch geboren sind, böse Geister auf Erden genannt werden, und auf der Erde wird ihre Wohnung sein.
9 Böse Geister sind aus ihrem Leib hervorgegangen; weil sie von oben geschaffen wurden, von den heiligen Wächtern war ihr Anfang und Ursprung, so werden sie böse Geister auf Erden heißen.
10 Die Geister des Himmels haben ihre Wohnung im Himmel, aber die Geister der Erde, die auf Erden geboren wurden, haben ihre Wohnung auf der Erde.
11 Und die Geister der Riesen werden Unheil anrichten, verderben, angreifen, kämpfen und auf der Erde Verwüstung bringen und Leid verursachen; sie essen nicht und trinken nicht und sind unsichtbar.
12 Und diese Geister werden sich gegen die Menschenkinder und gegen die Frauen erheben, weil sie von ihnen ausgegangen sind.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 16
────────────────────────
1 Von den Tagen des Mordes, der Verderbnis und des Todes der Riesen an, von der Zeit an, da die Geister aus dem Leibe ihres Fleisches hervorgegangen sind, sollen sie ohne Gericht verderben.
2 So werden sie verderben bis zum Tage der Vollendung, des großen Gerichts, an dem das große Zeitalter vollendet wird über die Wächter und die Gottlosen.
3 Und nun zu den Wächtern, die dich gesandt haben, für sie zu bitten:
4 Ihr wart im Himmel; aber alle Geheimnisse waren euch nicht offenbart, sondern nur die wertlosen; und diese habt ihr den Frauen in der Härte eurer Herzen kundgetan.
5 Und durch diese Geheimnisse haben Frauen und Männer viel Böses auf der Erde bewirkt.
6 Darum sprecht zu ihnen: Ihr werdet keinen Frieden haben.
Kosmologische Reisen Henochs (Kap. 17–36) in Auszügen
────────────────────────
Henoch – Kapitel 17
────────────────────────
1 Und sie nahmen mich und führten mich an einen Ort, an dem die, welche dort waren, wie flammendes Feuer waren; und wenn sie wollten, erschienen sie wie Menschen. (SEELENEBENE?)
2 Und sie führten mich an einen Ort der Finsternis und auf einen Berg, dessen Gipfel bis zum Himmel reichte.
3 Und ich sah die Orte der Lichter und die Schatzkammern der Sterne und des Donners und an den äußersten Tiefen, wo der feurige Bogen und die Pfeile und ihr Köcher sind und das feurige Schwert und alle Blitze. (WAFFENKAMMER?)
4 Und sie führten mich zu lebendigen Wassern und zum Feuer des Westens, welches jeden Sonnenuntergang aufnimmt.
5 Und ich kam zu einem Feuerstrom, dessen Feuer wie Wasser fließt und sich in das große Meer im Westen ergießt (ISLAND?)
6 Ich sah alle großen Ströme und gelangte bis zur großen Finsternis und ging dahin, wo alles Fleisch wandelt.
7 Ich sah die Berge der Finsternis des Winters und den Ort, von wo das Wasser aller Tiefen herkommt. (ARKTIS?)
8 Ich sah die Mündungen aller Ströme der Erde und die Mündung der Tiefe.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 18
────────────────────────
1 Und ich sah die Schatzkammern aller Winde und erkannte, daß sie mit ihnen die ganze Schöpfung schmücken und die Grundfesten der Erde befestigen.
2 Und ich sah den Eckstein der Erde, und ich sah die vier Winde, welche die Erde tragen und den Himmel stützen.
3 Und ich sah, wie die Winde den Himmel ausspannen und zwischen Himmel und Erde stehen; das sind die Säulen des Himmels.
4 Und ich sah die Winde, die die Wolken bewegen, und ich sah die Wege der Engel (IHRE WELTRAUMROUTEN?); ich sah am Ende der Erde das Firmament des Himmels darüber.
5 Und ich ging weiter nach Süden und sah einen Ort, der Tag und Nacht brannte, wo sieben Berge waren aus Edelsteinen, drei nach Osten und drei nach Süden.
6 Und von denen nach Osten war einer aus farbigem Stein, einer aus Perlenstein und einer aus Heilstein; und von denen nach Süden war einer aus rotem Stein.
7 Der mittlere aber reichte bis zum Himmel wie der Thron Gottes, aus Alabaster, und die Spitze des Thrones war aus Saphir.
8 Und ich sah ein flammendes Feuer.
9 Und jenseits dieser Berge ist ein Ort, an dem das Ende der großen Erde ist; dort werden die Himmel vollendet.
10 Und ich sah einen tiefen Abgrund mit Säulen himmlischen Feuers; und ich sah unter ihnen Feuerpfeiler, die niederstürzten, deren Höhe und Tiefe ich nicht ermessen konnte.
11 Und jenseits dieses Abgrundes sah ich einen Ort ohne Himmelsgewölbe darüber und ohne festen Boden darunter; kein Wasser war darauf und kein Vogel, sondern er war wüst und schrecklich.(IM WELTALL?)
12 Dort sah ich sieben Sterne des Himmels gebunden wie große Berge und brennend im Feuer. (DIE PLEJADEN?)
13 Da sprach ich: Für welche Sünde sind sie gebunden, und weshalb sind sie hierher gebracht?
14 Und Uriel, einer der heiligen Engel, der bei mir war und über sie gesetzt ist, sprach zu mir:
15 Diese sind von den Sternen des Himmels, die das Gebot des Herrn übertreten haben; und sie sind hier gebunden, bis zehntausend Jahre vollendet sind, die Zahl der Tage ihrer Sünden.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 19
────────────────────────
1 Und Uriel sprach zu mir: Hier sollen die Engel verweilen, die sich mit den Frauen vermischt haben.
2 Und ihre Geister, die viele Gestalten annehmen, verderben die Menschen und verführen sie, den Dämonen zu opfern als Göttern, bis zum Tage des großen Gerichts, an dem sie gerichtet werden, bis sie vollendet sind.
3 Und auch ihre Frauen, die die Engel verführten, werden Sirenen werden.
4 Und ich, Henoch, sah allein das Gesicht, die Enden von allem; und kein Mensch hat gesehen, was ich gesehen habe.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 20
────────────────────────
1 Und dies sind die Namen der heiligen Engel, die wachen:
2 Uriel, einer der heiligen Engel, welcher über Welt und Unterwelt gesetzt ist.
3 Raphael, einer der heiligen Engel, welcher über die Geister der Menschen gesetzt ist.
4 Raguel, einer der heiligen Engel, der Rache nimmt an der Welt der Lichter.
5 Michael, einer der heiligen Engel, welcher über den besseren Teil der Menschen gesetzt ist, nämlich über das Volk.
6 Sariel, einer der heiligen Engel, welcher über die Geister der Menschen gesetzt ist, die sündigen.
7 Gabriel, einer der heiligen Engel, welcher über das Paradies und über die Drachen und über die Cherubim gesetzt ist.
8 Remiel, einer der heiligen Engel, den Gott über die Auferstehenden gesetzt hat.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 21
────────────────────────
1 Und ich ging weiter zu einem Ort, wo nichts vollendet war.
2 Und ich sah dort etwas Furchtbares: ich sah weder Himmel oben noch festgegründete Erde unten, sondern einen öden und schrecklichen Ort.
3 Und dort sah ich sieben Sterne des Himmels zusammengebunden wie große Berge und brennend im Feuer.
4 Da sprach ich: Für welche Sünde sind sie gebunden, und weshalb sind sie hierher gebracht?
5 Und Uriel, einer der heiligen Engel, der bei mir war und über sie gesetzt ist, antwortete und sprach zu mir:
6 Henoch, warum fragst du und warum wunderst du dich und forschst nach der Wahrheit?
7 Diese sind von der Zahl der Sterne des Himmels, die das Gebot des Herrn übertreten haben, und sie sind hier gebunden, bis zehntausend Jahre vollendet sind, die Zahl der Tage ihrer Sünden.
8 Und von dort ging ich weiter an einen anderen Ort, der noch schrecklicher war als jener.
9 Und ich sah ein großes Feuer, das brannte und flammte, und der Ort hatte eine Spaltung bis in die Tiefe, voll von großen Feuersäulen, die hinabstürzten; ihre Größe und Tiefe konnte ich nicht ermessen.
10 Da sprach ich: Wie furchtbar ist dieser Ort und wie schrecklich anzusehen!
11 Und Uriel antwortete mir, einer der heiligen Engel, der bei mir war, und sprach zu mir:
12 Henoch, warum fürchtest du dich so sehr?
13 Und ich antwortete: Wegen dieses schrecklichen Ortes und wegen des Anblicks des Leidens.
14 Und er sprach zu mir: Dies ist das Gefängnis der Engel; hier werden sie in Ewigkeit gefangen gehalten.
Die Offenbarung der Vollstreckung (Kap. 65–67) in Auszügen
────────────────────────
Henoch – Kapitel 65
────────────────────────
1 Und in jenen Tagen erhob Noah seine Stimme zu dem Herrn der Geister, denn die Erde war in Bewegung geraten, und ihr Ende war nahe.
2 Und Noah sah, daß die Erde sich neigte und daß ihr Verderben gekommen war.
3 Und er erhob seine Stimme und sprach:
„Höre mich, höre mich, höre mich! Drei Mal rufe ich dich, Herr der Geister!“
4 Und Henoch, sein Großvater, kam zu ihm und stand vor ihm.
5 Und er sprach zu ihm:
„Warum rufst du mich mit lauter Stimme und klagst?
6 Eine große Zerstörung ist über die Erde beschlossen, und ein Ende ist für alles Fleisch bestimmt.
7 Denn die Erde ist erfüllt von Ungerechtigkeit durch die Lehre der Engel und durch alle ihre geheimen Werke.
8 Und nun ist das Gericht über sie gekommen.“
9 Und Noah sprach zu Henoch:
„Sage mir, was geschehen wird auf der Erde; ich fürchte wegen dieses Wunders.“
10 Und Henoch sprach zu ihm:
„Der Herr der Geister hat beschlossen, sie zu vernichten, und er wird die Erde reinigen.
11 Aber du sollst bewahrt werden, und dein Same soll bleiben für alle Geschlechter.“
────────────────────────
Henoch – Kapitel 66
────────────────────────
1 Und nach diesem zeigte er mir die Engel der Strafe, die bereit standen, um alle Kräfte des Wassers herbeizuführen, die unter der Erde sind.
2 Und der Herr der Geister gebot den Engeln, die über die Wasser gesetzt sind, daß sie ihre Kräfte öffnen sollten, damit die Wasser aus den Tiefen hervorbrechen.
3 Und sie öffneten alle Schatzkammern der Wasser, die unter der Erde sind.
4 Und die Wasser begannen zu steigen und bedeckten die Erde.
5 Und die Engel der Strafe vollzogen ihr Werk.
6 Und ich sah, wie die Quellen der großen Tiefe geöffnet wurden, und wie die Schleusen des Himmels sich auftaten.
7 Und die Wasser strömten über die Erde und bedeckten alles Fleisch.
8 Und das Gericht wurde vollzogen über alles, was auf der Erde war.
────────────────────────
Henoch – Kapitel 67
────────────────────────
1 Und in jenen Tagen sprach der Herr der Geister zu Noah:
„Tritt ein in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich gerecht befunden vor mir in diesem Geschlecht.
2 Und siehe, ich werde die Wasser der Flut über die Erde bringen, um alles Fleisch zu vernichten, in dem Odem des Lebens ist unter dem Himmel; alles, was auf der Erde ist, soll umkommen.“
3 Und die Engel, die über die Wasser gesetzt sind, führten ihren Auftrag aus.
4 Und die Wasser stiegen über die Erde, und sie nahmen alles hinweg, was auf ihr war.
5 Und Noah war in der Arche verborgen, und die Engel schützten ihn.
6 Und nach diesen Tagen ließ der Herr die Wasser zurückweichen.
7 Und die Quellen der Tiefe wurden geschlossen, und die Schleusen des Himmels wurden verschlossen.
8 Und die Erde erschien wieder, und das Gericht war vollendet.
9 Und der Herr sprach:
„So habe ich die Erde gereinigt von aller Verderbtheit.“
