Zusammenfassung verschiedener Sintflut Mythen
Hier widmen wir uns den Sintflutberichten in den alten Kulturen des Vorderen Orients und darüber hinaus. Besonders im Mittelpunkt stehen dabei hier vier zentrale Texttraditionen: das Gilgamesch-Epos aus Mesopotamien, die Sintfluterzählung in der Genesis der hebräischen Bibel, apokryphe und biblische Textfragmente aus den Schriftrollen von Qumran sowie das äthiopische Buch Henoch. Diese Texte gehören zu den wichtigsten schriftlichen Quellen der antiken Welt und enthalten teilweise erstaunlich ähnliche Motive und Erzählstrukturen, obwohl sie aus unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten stammen.
Im Rahmen unserer metaarchäologischen Forschungsarbeit untersuchen wir diese Überlieferungen vergleichend. Dabei interessiert uns besonders, welche gemeinsamen Motive, symbolischen Bilder oder möglichen historischen Erinnerungen sich in den verschiedenen Traditionen erkennen lassen. Einige Autoren der modernen Präastronautik – etwa Erich von Däniken – haben vorgeschlagen, dass bestimmte Passagen in alten Mythen als Hinweise auf Begegnungen mit technologisch überlegenen Wesen interpretiert werden könnten. Da wir in unserer Arbeit erstaunlich viele neue Informationen zu nicht von der Erde kommenenden, physischen, menschenähnlichen Wesen erhalten haben, greifen wir diese Hypothesen auf und untersucht die entsprechenden Textstellen im direkten Vergleich mit den Originalquellen.
Ein zentrales Anliegen ist es, möglichst nah an den ursprünglichen Texten zu arbeiten. Deshalb greifen wir – soweit möglich – auf frei zugängliche wissenschaftliche Editionen, Übersetzungen und Digitalisate zurück, die von Universitäten, Bibliotheken oder Forschungsprojekten bereitgestellt werden. Auf diese Weise soll jeder interessierte Leser die Möglichkeit haben, die genannten Quellen selbst einzusehen und eigene Schlüsse zu ziehen.
Zu jedem behandelten Werk – dem Gilgamesch-Epos, der Genesis, den Qumran-Texten und dem Buch Henoch – gibt es auf dieser Seite eigene Unterbereiche. Dort werden relevante Textstellen vorgestellt, historisch eingeordnet und mit Literaturhinweisen sowie Links zu frei zugänglichen wissenschaftlichen Ressourcen ergänzt. Durch diese transparente Quellenarbeit möchten wir unsere eigene Forschung nachvollziehbarer machen und gleichzeitig eine Grundlage schaffen, auf der auch andere Interessierte weiter recherchieren können.
Das Gilgamesch-Epos
Das Gilgamesch-Epos (auch Gilgameš-Epos) ist eine Sammlung literarischer Werke aus dem babylonischen Raum und gilt als eine der ältesten überlieferten, schriftlich fixierten Dichtungen der Menschheit. In seinen verschiedenen Fassungen ist es das bekannteste Werk der akkadischen und sumerischen Literatur.
Das Werk trägt seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. den Titel „Derjenige, der die Tiefe sah“ (ša naqba īmuru). Eine ältere, vermutlich altbabylonische Fassung (ca. 1800–1595 v. Chr.) war unter dem Titel „Derjenige, der alle anderen Könige übertraf“ (Šūtur eli šarrī) bekannt.
Das Gilgamesch-Epos ist nicht an einem einzigen Ort gefunden worden, sondern in vielen Fragmenten an verschiedenen archäologischen Fundstätten in Mesopotamien. Die Texte stammen überwiegend aus Bibliotheken, Tempelarchiven und Schreiberschulen, also aus Orten, an denen Keilschrift gelehrt, kopiert oder gesammelt wurde. Ein großer Teil der Überlieferung ist nur fragmentarisch erhalten.
Die umfangreichste überlieferte Version ist das sogenannte Zwölftafel-Epos des Schreibers Sîn-leqe-unnīnī. Sie ist vor allem durch elf Tontafeln aus der Bibliothek des assyrischen Königs Aššurbanipal erhalten. Diese königliche Bibliothek aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. enthielt Tausende von Tontafeln mit wissenschaftlichen, religiösen und literarischen Texten und gilt als eines der wichtigsten Wissenszentren des Alten Orients. Hier wurde im 19. Jahrhundert die sogenannte „Standardversion“ des Gilgamesch-Epos gefunden. Sie umfasst zwölf Tafeln und wurde vermutlich im 2. Jahrtausend v. Chr. redaktionell zusammengestellt. Eine zwölfte Tafel mit einem Auszug aus dem eigenständigen Gedicht „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ wurde später angefügt. Von den ursprünglich über 3000 Versen sind heute weniger als zwei Drittel aus verschiedenen Überlieferungssträngen bekannt.
Die ersten Fragmente dieser Tafeln wurden 1853 von Hormuzd Rassam entdeckt. George Smith (1840–1876) übersetzte sie 1872 und gilt als eigentlicher Wiederentdecker des Epos. Besonders bekannt wurde das von ihm übersetzte Sintflut-Fragment der elften Tafel, das deutliche Parallelen zum biblischen Bericht in Genesis 7–8 aufweist. Dies zeigt deutlich, dass die biblische Überlieferung ältere mesopotamische Traditionen aufgreift.
Während 1930 noch 108 Tonfragmente bekannt waren, stieg ihre Zahl bis 2003 auf 184 an. 1997 gelang die bisher letzte große Identifizierung. Der Assyriologe und Judaist Theodore Kwasman im British Museum entzifferte die zwei ersten Zeilen des Epos. Durch die Identifikation des Fragments konnte der Beginn des Textes genauer rekonstruiert werden. Er lautet in der üblichen wissenschaftlichen Rekonstruktion sinngemäß: „Derjenige, der die Tiefe sah, das Fundament des Landes, der alles wusste und Weisheit besaß.“
Der Titel „Derjenige, der die Tiefe sah“ (ša naqba īmuru) leitet sich direkt aus diesen ersten Worten ab. Das Fragment bestätigte also den Beginn des Prologs, der Gilgamesch als einen König beschreibt, der umfassende Erfahrung und Erkenntnis erlangt hat. Während 1930 noch 108 Tonfragmente bekannt waren, stieg ihre Zahl bis 2003 auf 184 an.
Die Genesis-Apokryphen aus Qumran
Die Blütezeit von Qumran fällt ungefähr in die hellenistisch-frührömische Epoche, besonders in die Zeit zwischen etwa 100 v. Chr. und der Zerstörung im Jahr 68 n. Chr. In dieser Phase entwickelte sich die Region am Nordwestufer des Toten Meeres deutlich stärker, als man es heute angesichts der trockenen Landschaft vermuten würde. Ein entscheidender Faktor dafür war der damalige Wasserstand des Toten Meeres und die damit verbundenen Quellen und Oasen.
Der Wasserspiegel des Toten Meeres lag in dieser Zeit auf einem Niveau, das für die umliegenden Quellen und Wadis besonders günstig war. Dadurch konnten in der Region Oasenwirtschaft und Bewässerung betrieben werden. In den Tälern und entlang der Quellen entstanden Haine von Dattelpalmen sowie kleine landwirtschaftliche Flächen zwischen den Palmen. Diese günstigen Bedingungen führten zu einer stärkeren Besiedlung der Gegend und zu einem regelrechten Bauboom entlang des Westufers des Toten Meeres. Archäologische Hinweise zeigen, dass in dieser Zeit Villen, Gutshöfe, Werkstätten und befestigte Anlagen entstanden, die durch Straßen miteinander verbunden waren.
Auch Qumran selbst profitierte von diesen Bedingungen. Die Siedlung lag auf einem Plateau oberhalb des Toten Meeres und verfügte über ein komplexes Wassersystem. Regenwasser aus dem nahegelegenen Wadi Qumran wurde über Kanäle, Aquädukte und Absetzbecken in große Zisternen geleitet. Dadurch konnte Wasser über längere Zeit gespeichert werden, was sowohl für die Versorgung der Bewohner als auch für rituelle Waschungen und handwerkliche Tätigkeiten wichtig war.
Die archäologischen Befunde zeigen, dass Qumran kein einfacher Einzelhof war, sondern ein größerer Gebäudekomplex mit mehreren Höfen, Versammlungsräumen, Werkstätten, Vorratsräumen und einem markanten Turm. Einige Forscher vermuten, dass der ursprüngliche Kern der Anlage sogar eine befestigte Villa oder ein Landgut aus hasmonäischer Zeit gewesen sein könnte, das später erweitert und von einer religiösen Gemeinschaft genutzt wurde.
In dieser Blütezeit war die Region insgesamt stärker belebt als heute. Entlang der Oasen und Quellen entstanden Landgüter und Villen wohlhabender Besitzer, während gleichzeitig religiöse Gruppen, Händler und Handwerker in der Gegend tätig waren. Qumran entwickelte sich in diesem Umfeld zu einem wichtigen lokalen Zentrum – möglicherweise als religiöse Gemeinschaft, möglicherweise auch mit wirtschaftlichen Funktionen wie Keramikproduktion oder Handel.
Um das Jahr 68 n. Chr. wurde die Anlage von römischen Truppen zerstört. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Mitglieder der religiösen Gemeinschaften gemeinsam mit den wertvollen Schriftrollen in den umliegenden Höhlen versteckt haben – jene Texte, die heute als Schriftrollen vom Toten Meer weltbekannt sind. Die Schriftrollen waren dort so sicher versteckt, dass sie erst ab 1947 in Gebirgshöhlen, nordwestlichen Ufer des Toten Meeres entdeckt wurden. Die dort gefundenen Handschriften stammen überwiegend aus der Zeit vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr.
Für die Bibelgeschichte ist besonders bedeutsam, dass die Funde belegen: Der biblische Text war bereits vor der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. in weiten Teilen stabil überliefert.
Ein wichtiges Beispiel ist das Genesis Apocryphon (1QapGen), das in Höhle 1 von Qumran entdeckt wurde. Diese aramäische Schrift ist keine alternative Bibel, sondern eine erzählerische Nacherzählung und Ausschmückung von Teilen der Genesis. Sie umfasst vier größere Abschnitte: die Geschichte Lamechs, die Noah-Erzählung (Spalten 6–15), die Völkertafel und die Abraham-Geschichte. Die Noah-Erzählung kann hier vollständig eingesehen werden.
Die Sintfluterzählung im Gilgamesch-Epos gehört zu den bekanntesten Passagen der mesopotamischen Literatur und findet sich auf der elften Tafel des Epos. Dort berichtet der weise Utnapischtim dem Helden Gilgamesch von einer großen Flut, die von den Göttern beschlossen wurde, um die Menschheit zu vernichten. Der Gott Ea warnt Utnapischtim jedoch heimlich vor der Katastrophe und gibt ihm den Auftrag, ein großes Schiff zu bauen, in dem er seine Familie, Handwerker sowie Tiere retten soll.
Nachdem das Schiff fertiggestellt ist, bricht die gewaltige Flut über die Erde herein. Sturm, Regen und steigende Wassermassen zerstören die Welt der Menschen. Nach mehreren Tagen lässt das Wasser nach, und das Schiff kommt schließlich auf einem Berg zur Ruhe. Utnapischtim lässt nacheinander verschiedene Vögel frei, um zu prüfen, ob das Land wieder trocken ist. Als einer der Vögel nicht zurückkehrt, erkennt er, dass die Erde wieder bewohnbar geworden ist. Anschließend bringt er den Göttern ein Opfer dar.
Im Vergleich zur biblischen Sintfluterzählung ist die Darstellung im Gilgamesch-Epos deutlich ausführlicher und stärker in eine mythologische Welt eingebettet. Die Entscheidung zur Flut geht hier nicht von einem einzigen Gott aus, sondern von einer Versammlung mehrerer Götter, die unterschiedliche Motive und Meinungen haben. Gleichzeitig enthält der Text zahlreiche Details zum Bau des Schiffes, zum Ablauf der Katastrophe und zur Reaktion der Götter nach der Flut.
Die Sintfluterzählung des Gilgamesch-Epos gehört zu den ältesten bekannten literarischen Versionen dieses Motivs und entstand viele Jahrhunderte vor der schriftlichen Fixierung der biblischen Genesis. Aufgrund der auffälligen Parallelen in Handlungselementen und Symbolen wird sie in der Forschung häufig mit der biblischen Überlieferung verglichen und führt zu der Frage in wie weit die hier beschriebenen Ereignisse vielleicht die selben Ereignisse die auch in der Genesis und im Buch Henoch beschrieben werden.
Die Sintflut in der Genesis
Die Sintfluterzählung der Genesis gehört zu den bekanntesten Passagen des Alten Testaments und findet sich in den Kapiteln Genesis 6 bis 9. In dieser Darstellung wird berichtet, dass Gott angesichts der zunehmenden Gewalt und Verderbtheit der Menschen beschließt, die Erde durch eine große Flut zu reinigen. Der fromme Noah wird jedoch ausgewählt, um mit seiner Familie und einer Auswahl von Tieren in einer großen Arche zu überleben. Nach der Flut landet die Arche schließlich auf einem Berg, und Gott schließt mit Noah einen Bund, der durch das Zeichen des Regenbogens besiegelt wird.
Im Vergleich zu anderen antiken Überlieferungen über eine große Flut – etwa der mesopotamischen Tradition im Gilgamesch-Epos – ist der biblische Bericht relativ knapp und konzentriert sich stärker auf die religiöse Deutung des Geschehens. Der Schwerpunkt liegt weniger auf ausführlichen erzählerischen Details als auf der moralischen Botschaft: Die Geschichte stellt die Sintflut als göttliches Gericht über die Verderbtheit der Menschen dar, gleichzeitig aber auch als Neubeginn der Menschheit unter einem erneuerten Bund zwischen Gott und den Menschen.
Gerade diese knappe, theologisch ausgerichtete Darstellung unterscheidet die biblische Version von anderen, oft ausführlicheren Überlieferungen des Alten Orients. Dennoch weist die Erzählung in Aufbau und Motiven deutliche Parallelen zu älteren Flutgeschichten aus Mesopotamien auf, weshalb sie in der Forschung häufig im Vergleich mit diesen Texten untersucht wird. Für den Vergleich verschiedener Sintfluttraditionen bildet die biblische Genesis daher eine wichtige, wenn auch relativ kurze Textquelle.
Das Buch Henoch
Die Sintfluterzählung im Buch Henoch erscheint vor allem im sogenannten „Buch der Wächter“ (1 Henoch 1–36), einem der ältesten Teile der Henochliteratur. Diese Schriften entstanden vermutlich zwischen dem 3. und 1. Jahrhundert v. Chr. und gehören zu den wichtigen jüdischen Texten außerhalb des späteren biblischen Kanons. In der überlieferten Form ist das Buch Henoch vor allem in einer äthiopischen Übersetzung erhalten geblieben, während einzelne Fragmente der ursprünglichen aramäischen Texte auch unter den Schriftrollen von Qumran gefunden wurden.
Im Mittelpunkt dieser Überlieferung steht die Vorstellung, dass eine Gruppe himmlischer Wesen – die sogenannten „Wächter“ – zur Erde herabstieg und sich mit menschlichen Frauen verband. Aus diesen Verbindungen gingen gewaltige Wesen hervor, die in den Texten als Riesen (Nephilim) beschrieben werden. Diese Ereignisse führen laut dem Buch Henoch zu wachsender Gewalt, Unordnung und moralischem Verfall unter den Menschen. In dieser Situation erscheint die kommende Flut als göttliche Maßnahme, um die entstandene Verderbnis zu beenden.
Der biblische Patriarch Henoch wird in diesen Texten als eine Art Mittler zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt dargestellt. Ihm werden Visionen, Offenbarungen und Reisen durch verschiedene Bereiche des Himmels zugeschrieben. In diesen Visionen erfährt er auch vom kommenden Gericht über die Wächter und von der bevorstehenden Flut, durch die die Welt gereinigt werden soll.
Im Buch Henoch wird die Ursache der Sintflut deutlich anders erklärt als in der biblischen Genesis. Während die Bibel die Flut vor allem mit der moralischen Verderbtheit der Menschen begründet, verschiebt das Buch Henoch die Verantwortung stärker auf eine Gruppe übernatürlicher Wesen, die sogenannten „Wächter“. Diese himmlischen Wesen steigen nach der Überlieferung zur Erde herab, verbinden sich mit menschlichen Frauen und geben den Menschen verbotene Kenntnisse weiter. Aus diesen Verbindungen entstehen die Riesen (Nephilim), die in den Texten als gewalttätige und zerstörerische Wesen beschrieben werden. Die zunehmende Gewalt und Unordnung auf der Erde wird im Buch Henoch daher nicht in erster Linie als menschliches Fehlverhalten verstanden, sondern als Folge dieses Eingreifens der Wächter in die menschliche Welt.
Die Sintflut erscheint in dieser Tradition als göttliche Maßnahme, um diese Entwicklung zu beenden und die Erde von den Auswirkungen dieses Eingriffs zu reinigen. Dadurch erweitert das Buch Henoch die kurze biblische Vorgeschichte der Flut um eine ausführlichere kosmische Dimension und verschiebt die Verantwortung für die Katastrophe teilweise von den Menschen hin zu den gefallenen himmlischen Wesen.
Gerade diese Vorstellung von Mischwesen aus göttlicher und menschlicher Herkunft findet sich auch in anderen antiken Mythentraditionen. In der griechischen Mythologie treten ebenfalls Gestalten auf, die aus Verbindungen zwischen Göttern und Menschen hervorgehen und über außergewöhnliche Kräfte verfügen. Gleichzeitig kennt auch die griechische Überlieferung einen großen Flutmythos, der mit Deukalion und Pyrrha verbunden ist und von einer göttlich beschlossenen Katastrophe berichtet, die die Menschheit fast vollständig auslöscht.
Aus dieser Perspektive lässt sich das Buch Henoch als eine wichtige Zwischenstufe innerhalb eines größeren mythologischen Erzählraums des antiken Mittelmeer- und Vorderasiatischen Kulturkreises betrachten. Die Texte verbinden die biblische Tradition der Genesis mit älteren und parallelen Vorstellungen von göttlichen Wesen, Riesen und kosmischen Katastrophen, wie sie auch in anderen Kulturen überliefert sind. Für die vergleichende Untersuchung verschiedener Fluttraditionen eröffnet das Buch Henoch deshalb eine besonders interessante Brücke zwischen den jüdischen Überlieferungen und den Mythen der antiken Welt.
Die Metamorphosen
In den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid wird der griechische Flutmythos in einer ausführlichen literarischen Form überliefert. In dieser Darstellung beobachtet der Göttervater Zeus die zunehmende Gewalt und Gesetzlosigkeit unter den Menschen, besonders verkörpert durch den arkadischen König Lykaon. Als Lykaon Zeus herausfordert und dessen Göttlichkeit verspottet, entscheidet der Gott, die Welt durch eine große Flut zu reinigen. Gewaltige Regenfälle und steigende Wassermassen überfluten die Erde, Städte verschwinden unter den Fluten und fast die gesamte Menschheit kommt ums Leben. Nur Deukalion, der Sohn des Prometheus, und seine Frau Pyrrha überleben, weil sie als rechtschaffen gelten. In einem Schiff treiben sie über die überschwemmte Welt, bis das Wasser schließlich zurückgeht und sie auf einem Berg landen. Nach der Katastrophe erhalten sie ein Orakel, das ihnen zeigt, wie neues menschliches Leben entstehen kann: Sie werfen Steine hinter sich, die sich in Männer und Frauen verwandeln und so den Neubeginn der Menschheit ermöglichen.Im Vergleich der verschiedenen Flutüberlieferungen zeigt sich ein auffälliges gemeinsames Motiv: Immer wieder tauchen Gestalten auf, die nicht rein menschlichen Ursprungs sind und deren Einfluss die Ordnung der Welt aus dem Gleichgewicht bringt. Im Buch Henoch wird dieses Problem sehr deutlich benannt. Die sogenannten Wächter – himmlische Wesen – steigen zur Erde herab, verbinden sich mit menschlichen Frauen und zeugen die Nephilim. Diese übermächtigen Wesen bringen Gewalt, Chaos und eine neue Form von Machtstruktur in die menschliche Welt. Die Sintflut erscheint in dieser Überlieferung als göttliche Reaktion auf genau diese Grenzüberschreitung zwischen Himmel und Erde.
In der Überlieferung um Lykaon und die spätere Flut von Deukalion und Pyrrha begegnet uns ebenfalls eine Welt, in der Figuren mit göttlicher Herkunft oder Verbindung zu den Göttern eine zentrale Rolle spielen. Lykaon steht genealogisch in einer Linie, die auf göttliche Ursprünge zurückgeführt wird, und verkörpert eine Machtfigur, deren Verhalten schließlich den Zorn des höchsten Gottes auslöst. Auch hier endet die Entwicklung in einer großen Flut, nach der die Menschheit neu beginnt.
Aus dieser Perspektive lassen sich beide Traditionen als unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen eines ähnlichen Grundmotivs lesen: Die Vermischung oder das Zusammenwirken von göttlichen und menschlichen Linien führt zu einer Phase der Unordnung und Machtkonzentration, die schließlich durch eine weltumspannende Katastrophe beendet wird. Die Flut erscheint damit nicht nur als moralisches Gericht über Menschen, sondern als kosmische Korrektur eines Zustands, in dem Wesen mit übermenschlicher Herkunft zu großen Einfluss auf die menschliche Welt gewonnen haben.
Gerade diese Parallelen zwischen den Überlieferungen aus Mesopotamien, der jüdischen Henochliteratur, der biblischen Genesis und der griechischen Mythologie bilden einen wichtigen Ausgangspunkt für vergleichende Untersuchungen innerhalb der Metaarchäologie. Sie werfen die Frage auf, ob hinter diesen verschiedenen Mythen möglicherweise Erinnerungen an gemeinsame Erfahrungen oder Ereignisse stehen könnten, die von unterschiedlichen Kulturen jeweils in ihrer eigenen symbolischen Sprache überliefert wurden..
Ahnenlinien der Menschheit bis zu den Flutüberlieferungen
Viele der alten Überlieferungen, die sich mit der frühen Menschheitsgeschichte und der großen Flut beschäftigen, legen einen auffallend großen Wert auf die Darstellung von Abstammungslinien. Lange Reihen von Namen verbinden die ersten Menschen mit späteren Generationen oder stellen eine direkte Beziehung zwischen Menschen und göttlichen Wesen her. Diese genealogischen Abschnitte wirken auf den ersten Blick oft wie einfache Aufzählungen, erfüllen jedoch eine wichtige Funktion: Sie verankern die erzählten Ereignisse in einer zeitlichen Abfolge und zeigen, wie sich die Menschheit aus einer gemeinsamen Ursprungsgeneration entwickelt haben soll.
Dieses Muster findet sich in mehreren der hier untersuchten Überlieferungen. In der Genesis werden ausführliche Stammbäume von Adam über die vorsintflutlichen Patriarchen bis zu Noah beschrieben. Auch die apokryphen Texte zur Genesis sowie das Buch Henoch erweitern diese Tradition und verbinden die menschlichen Ahnenlinien zusätzlich mit himmlischen Wesen wie den sogenannten Wächtern. Ähnliche genealogische Strukturen erscheinen auch in der mesopotamischen Überlieferung rund um das Gilgamesch-Epos, in der Königslisten und Abstammungslinien bis zu mythischen Urzeiten zurückreichen. In der griechischen Mythologie wiederum werden Figuren wie Prometheus, Deukalion und Pyrrha in genealogische Netze eingeordnet, die sowohl menschliche als auch göttliche Vorfahren umfassen.
Die detaillierte Darstellung dieser Ahnenlinien zeigt, dass die frühen Kulturen großen Wert darauf legten, ihre Vorstellungen über den Ursprung der Menschheit, ihre Entwicklung und ihre Verbindung zur göttlichen Welt in klaren Generationenfolgen darzustellen. Für einen vergleichenden Blick auf die verschiedenen Flutüberlieferungen sind diese genealogischen Strukturen deshalb besonders interessant. Sie erlauben es, die unterschiedlichen Traditionen nicht nur über ihre Katastrophenerzählungen, sondern auch über ihre Vorstellungen von Herkunft, Abstammung und den ersten Generationen der Menschheit miteinander zu vergleichen. Weitere Informationen hierzu werden auch auf der Seite zu Adam und Eva aufgegriffen.
Weblinks:
Gilgamesch Tontafel – Wikipedia
Höhlen von Qumran – Wikipedia
Fundorte Qumran – Wikipedia

