Das Gilgamesch Epos
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Genesis-Apokryphon – Kolumne II (Noahs Geburt)
1 Und sie gebar mir einen Sohn.
2 Und sein Leib war weiß wie Schnee und rot wie die Blüte einer Rose.
3 Und das Haar seines Hauptes war weiß wie Wolle, und seine Augen waren schön.
4 Und als er seine Augen öffnete, erleuchtete er das ganze Haus wie die Sonne.
5 Und er erhob sich aus den Händen der Hebamme und öffnete seinen Mund und pries den Herrn der Himmel.
6 Und ich, Lamech, erschrak sehr und fürchtete mich wegen dieses Kindes.
7 Und ich dachte in meinem Herzen, daß die Empfängnis von den Wächtern verursacht wäre, von den Heiligen oder von den Söhnen des Himmels.
8 Und mein Herz ward in mir verändert um dieses Kindes willen.
9 Da war ich beunruhigt und ging zu Bathenosh, meinem Weibe.
10 Und ich sprach zu ihr: „Schwöre mir beim Allerhöchsten, beim Herrn der Größe, beim König aller Welten, daß du mir alles in Wahrheit kundtust und nicht in Lüge.“
11 Da sprach Bathenosh, mein Weib, zu mir mit heftigem Nachdruck:
12 „O mein Bruder, o mein Herr, gedenke meiner Wonne und meiner Seele in ihrer Scheide; ich will dir in Wahrheit alles sagen.“
13 Und mein Herz änderte sich in mir sehr.
14 Als Bathenosh sah, daß mein Gesicht sich verändert hatte, nahm sie ihren Mut zusammen und sprach zu mir:
15 „O mein Herr, o mein Bruder, meine Wonne, ich schwöre dir beim großen Heiligen, beim König des Himmels:
16 Von dir ist dieser Same, von dir diese Empfängnis, von dir dieser Fruchttrieb.
17 Nicht von irgendeinem Fremden, nicht von Wächtern und nicht von Söhnen des Himmels.
18 Warum ist dein Antlitz so verändert und dein Geist bedrückt? In Wahrheit rede ich mit dir.“
19 Da eilte ich, Lamech, zu Methusalah, meinem Vater, und tat ihm alles kund.
20 Und als Methusalah hörte, ging er zu Henoch, seinem Vater, um von ihm alles in Wahrheit zu erfahren.
21 Und er ging an den Ort, wo er ihn fand.
22 Und er sprach zu Henoch, seinem Vater: „O mein Vater, o mein Herr, sei nicht zornig über mich, daß ich zu dir gekommen bin.“
1Q20 Noah-Teil, Kol. VI–XV Rekonstruktion mit Lücken
kolumne VI
Ich, Noah, [ … ].
Ich war [wahrscheinlich: gerecht] in meiner Generation [ … ].
Und Gott [ … ] offenbarte mir ein Geheimnis [ … ]:
[ … ] das Ende von allem Fleisch [ … ] steht bevor.
[ … ] denn die Erde ist [unsicher: verdorben / voller Frevel] [ … ].
Und er sprach zu mir [ … ]:
[wahrscheinlich: du sollst gerettet werden] [ … ],
du und deine Söhne und deine Frau und die Frauen deiner Söhne [ … ].
[ … ] und von allem Lebendigen [ … ] soll [wahrscheinlich: paarweise] zu dir kommen [ … ],
damit Leben erhalten bleibt [ … ].
Und [wahrscheinlich: Nahrung/Vorrat] sollst du nehmen [ … ] für dich und für sie.
Und ich [ … ] tat alles, was er mir geboten hatte [ … ].
kolumne VII
Und er sprach weiter zu mir [ … ]:
[ … ] alles, was auf der Erde ist, wird [ … ] untergehen.
Aber du [ … ] sollst [ … ] hineingehen [ … ].
[ … ] Vögel nach ihrer Art [ … ],
[ … ] Vieh nach seiner Art [ … ],
[ … ] kriechende Tiere [ … ].
[ … ] paarweise [ … ] damit sie bestehen bleiben [ … ].
[ … ] und ich bereitete [wahrscheinlich: Speise] [ … ].
Und ich [ … ] gehorchte [ … ] und tat [ … ].
kolumne VIII
Und es geschah nach [ … ] Tagen [ … ].
[wahrscheinlich: Regen] fiel auf die Erde [ … ].
[wahrscheinlich: vierzig] Tage und [wahrscheinlich: vierzig] Nächte [ … ].
Und [ … ] große Wasser [ … ] kamen [ … ].
[wahrscheinlich: die Schleusen des Himmels] öffneten sich [ … ].
Und die Wasser [ … ] bedeckten [ … ].
Und alles Fleisch [ … ] das auf der Erde war [ … ] ging zugrunde [ … ].
Und ich war [ … ] in der Arche [ … ] mit meinen Söhnen [ … ],
und mit meiner Frau [ … ] und den Frauen meiner Söhne [ … ].
Und die Wasser [ … ] waren groß [ … ] auf der Erde.
kolumne IX
Und die Wasser [ … ] begannen [wahrscheinlich: zurückzugehen] [ … ].
Und die Arche [ … ] kam zur Ruhe [ … ].
[wahrscheinlich: auf den Bergen von Ararat] [ … ].
Und ich öffnete [ … ] ein Fenster [ … ].
Und ich sandte [ … ] einen Vogel [ … ].
[ … ] er fand [wahrscheinlich: keinen Ruheplatz] [ … ] und kehrte zurück [ … ].
Und ich sandte [ … ] eine Taube [ … ].
Und sie kehrte zurück [ … ] zu mir [ … ].
[ … ] denn die Wasser waren noch [ … ].
[ … ] und ich wartete [ … ].
kolumne X
Und nach [ … ] Tagen [ … ] sandte ich wiederum [ … ].
[unsicher: Taube / anderer Vogel] [ … ].
Und sie kam [ … ] mit einem Zeichen [unsicher: Blatt / Zweig] [ … ].
Da erkannte ich [ … ], dass die Wasser [wahrscheinlich: geringer geworden] waren [ … ].
Und ich [ … ] wartete noch [ … ].
Und schließlich [ … ] war die Erde [wahrscheinlich: trocken] [ … ].
Und Gott sprach zu mir [ … ]:
Geh hinaus [ … ] du und deine Frau [ … ],
und deine Söhne [ … ] und die Frauen deiner Söhne [ … ].
Bring hinaus [ … ] alles Lebendige [ … ].
[ … ] damit sie sich mehren [ … ] auf der Erde.
Und ich ging hinaus [ … ] mit meiner Familie [ … ].
kolumne XI
Und ich errichtete [ … ] einen Altar [ … ].
Und ich nahm [ … ] von [wahrscheinlich: reinem Vieh] [ … ] und [wahrscheinlich: reinen Vögeln] [ … ].
Und ich brachte Opfer dar [ … ].
Und [ … ] Gott nahm es an [ … ].
Und er sprach [ … ] über die Erde [ … ]:
[wahrscheinlich: nicht wieder alles Fleisch durch Wasser zu vernichten] [ … ].
[ … ] und er bestätigte [ … ].
kolumne XII
Und er redete [ … ] mit mir [ … ] über [unsicher: Ordnung/Regeln] [ … ].
[wahrscheinlich: Segen über die Nachkommen] [ … ].
[ … ] und über die Zeiten [ … ].
[ … ] und über die Wege der Menschen [ … ].
[unsicher: Hinweise auf Bund / Zeichen] [ … ].
kolumne XIII
Und ich, Noah, [ … ] wohnte [ … ].
Und ich begann [ … ] die Erde zu bebauen [ … ].
[wahrscheinlich: und ich pflanzte einen Weinberg] [ … ].
[ … ] und es geschah [ … ].
[unsicher: Episode um Wein/Trunkenheit] [ … ].
kolumne XIV
[ … ] und ich [ … ] erkannte [ … ].
[ … ] über meine Söhne [ … ].
[unsicher: Worte des Segens/Fluchs] [ … ].
[ … ] und ich sprach [ … ].
kolumne XV
[ … ] dies [ … ] für [ … ] Generationen [ … ].
[ … ] und mein Same [ … ] wird bleiben [ … ].
[ … ] und die Erde [ … ] wird sich füllen [ … ].
[ … ] Ende/Übergang [ … ].
Gerade im Blick auf die Sintflut zeigt sich der Charakter dieses Textes deutlich. Die kanonische Erzählung findet sich in Book of Genesis Kapitel 6–9. Das Genesis-Apokryphon übernimmt die Grundstruktur dieser Geschichte: die Verderbtheit der Menschheit, das göttliche Gericht durch die Flut, den Bau der Arche, die Rettung der Tiere und den Bund nach der Flut. Diese zentralen Elemente bleiben unverändert.
Allerdings erweitert das Apokryphon die Erzählung in mehreren Punkten. Noah tritt teilweise in der Ich-Form auf, wodurch die Geschichte persönlicher und erzählerisch dichter wirkt. Seine Frömmigkeit und seine besondere Stellung als Gerechter werden stärker betont. Auch die Figur seines Vaters Lamech wird ausführlicher dargestellt, insbesondere im Zusammenhang mit der Geburt Noahs. Diese Erweiterungen verändern nicht den Ablauf der Flutgeschichte, sondern vertiefen ihre theologische und narrative Ausgestaltung.
Neben dem Genesis-Apokryphon existieren weitere apokryphe Schriften, die die Sintflut thematisch aufgreifen und ausdeuten. Besonders wichtig ist das Book of Enoch. Hier wird die Vorgeschichte der Flut stark erweitert: Gefallene Engel, die sogenannten Wächter, verbinden sich mit Menschenfrauen und zeugen Riesen (Nephilim). In dieser Darstellung wird die Flut nicht nur als Reaktion auf moralische Verderbtheit verstanden, sondern als Antwort auf eine kosmische Grenzüberschreitung, die die gesamte Schöpfungsordnung beschädigt.
